Sind wir für den Rest der Welt nur noch „Senioren“?

Undifferenzierte Betrachtungen, denen wir widersprechen sollten.

Ich habe generell den Eindruck, dass alle jene, die noch nicht in Pension sind, uns „Freitätige“ ab etwa 60+ immer noch als undifferenzierte Gruppe der „Seniorinnen und Senioren“ wahrnehmen.

Letzte Woche kam die Einladung an alle „Wiener Seniorinnen und Senioren“, in einer bekannten Brauerei einen schönen Nachmittag zu verbringen, bzw. sich einem „Wiener Pensionistenclub“ anzuschließen. Mit gleicher Post machte mich ein Prospekt auf „Seniorenreisen“ aufmerksam.

Es herrscht offensichtlich das Vorurteil, dass „alte Menschen“ – etwa ab dem Alter von 60 Jahren – alle das Gleiche wollen. Sie brauchen Produkte, die ihre Krankheiten kurieren und haben ein prioritäres Interesse an Pflegeeinrichtungen oder zumindest an Arzt-begleiteten, überteuerten Gruppenreisen. Jedenfalls freuen sich „Oma und Opa“ über eine Jausen-Einladung und das gemeinsame Basteln und Turnen in einer Aktivitätsgruppe am Vormittag.

Alle meine Bekannten im Alter von 60+, 70+ und 80+ sind damit genauso wenig angesprochen wie ich. Denn ich interessiere mich jedenfalls weiterhin für die Wirtschaftsnachrichten und fahre im Cabrio auf Urlaub. Selbst mit gelegentlichen Rückenbeschwerden kann ich tadellos ein- und aussteigen, weil ich es will. In meine Tai Chi Trainingsgruppe gehe ich – so wie alle jüngeren Teilnehmer auch – am Abend um 18:30. Ich kenne auch nahezu 70-jährige Alpenvereinsmitglieder, die im Sommer Kanu fahren und auf ihr iPad vertrauen. Einer meiner Bekannten in dieser Altersgruppe macht gerade eine Ausbildung zum Opernsänger.

Wir sind also in vielen Dingen, die wir gerne tun, weil sie schon lange zu unserer Persönlichkeit gehören, keine homogene Interessengemeinschaft, die allein vom Alter abhängig wäre! Auch verwirklichen nicht wenige in der Phase der etwa 20jährigen „Freitätigkeit“ erst ihren Lebenstraum, schreiben ein Buch oder lernen endlich Klavier spielen. Wenn wir eine Krankheit haben, dann wollen wir genauso geheilt werden wie zwanzig-, dreißig-, vierzig-  oder fünfzigjährige Patienten. Auch Teenager brauchen nach einer Knieoperation eine Krücke und Leistungssportler nutzen Physiotherapie. In jedem Lebensalter kann man von heute auf morgen krank werden und sterben. Interessensgemeinschaften gibt es für Vorlieben unabhängig vom Alter.

Daher denke ich wir sollen uns nicht auf eine graue undifferenzierte Masse der „Seniorinnen und Senioren“ reduzieren lassen! Wir sind keine Almosenempfänger, sondern selbstbewusste Individuen, die weiterhin den Respekt fordern, der uns aufgrund unserer Fähigkeiten und unserer Persönlichkeit zusteht.

Mag. Anneliese Blasl-Müller

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5 Antworten zu Sind wir für den Rest der Welt nur noch „Senioren“?

  1. Dr. Hermann Josef Groß schreibt:

    Ich danke für dieses Statement, das mir aus der Seele spricht. Es ist Aufruf an alle, die Angebote machen (wollen) für „Freitätige“, wobei ich in meinem Bekanntenkreis immer noch mit diesem Begriff für Verblüffung sorge. Den „wohlverdienten Ruhestand“ kann ich schon gar nicht mehr hören. Das Statement ist aber auch ein Aufruf an Stadtentwickler und Dorfentwickler, die Differenziert der Adressatengruppe noch nicht wirklich erfasst haben.

  2. Alois Mair schreibt:

    Der inhalt entspricht den Gegebenheiten. Wer liest jedoch solange Kommentare? In der Kürze liegt die Würze! LG. Alois

  3. kochenmitanneliese schreibt:

    Mit war es sehr wichtig zu thematisieren, dass auch Pensionisten/Freitätige individuelle persönliche Interessen haben und nicht in eine homogene Gruppe zusammengefasst werden dürfen.

  4. Elisabeth Schwartz schreibt:

    Sehr gut geschrieben! Ab 60 kommt die Zeit, neben jeder Menge von Verpflichtungen endlich
    a u c h das machen zu können wozu während der Berufstätigkeit keine Zeit geblieben ist. Die Interessen sind unterschiedlich und nur nach dem Alter alle gleichzuschalten ist ein sehr großer Irrtum. Aktiv zu bleiben und Neues aufzunehmen so lautet meine Devise.

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