Müßiggang  ist aller Laster Anfang

Heute gönne ich mir eine Auszeit

Das wichtigste für neue und alte Pensionisten ist eine strukturierte Woche, eine durchgeplante Zeit mit fix vorgesehenen wiederkehrenden Terminen und täglich zu erfüllenden Aufgaben. Dabei hatte ich mir für mein Pensionistendasein am besten vorgestellt, endlich einmal – auch unter der Woche – bei einer zweiten Tasse Kaffee am Frühstückstisch sitzen zu bleiben und meine Tageszeitung in Ruhe zu lesen. Danach wollte ich ein bisschen im Garten herum arbeiten oder einen Spaziergang machen und dann überlegen, ob ich nach dem Mittagessen eine Freundin zum Kino treffe oder ein Buch lese.

Die schöne Freiheit der Tageseinteilung nach 40-jähriger enger beruflicher Zeitplanung schien mir sehr verlockend zu sein. Wie im Urlaub ließe sich dann und wann ein Wellnesstag in der Therme oder ein Ausstellungsbesuch einschieben. Alle liebend gerne gekauften, aber aus Zeitmangel noch immer nicht gelesenen Bücher der verschiedensten Themengebiete wollte ich – nur unterbrochen von Teetrinken im Winter und Eis essen im Sommer – zu meiner zentralen Nachmittagsbeschäftigung machen. Doch dann stellte sich ziemlich bald heraus, dass der ewige Urlaub immer weniger Freude macht und sich immer mehr düstere Gedanken einschleichen! Es fehlt die Herausforderung, die Freude über etwas, das man geschafft hat, um sich erst daraufhin der wohligen Entspannung hingeben zu können.

Jetzt gehöre ich auch zu den gut beschäftigten „Freitätigen“ und führe einen straffen Terminkalender, wo ich schon im März die Maitermine fixiere und im Frühling meine Herbstseminare festlege. Zwei Tage die Woche gehören Fitness und Garten, zwei dem Studium und der Administration meiner diversen Projekte und zwei Tage der Familie inklusive Enkelkinder. Dazwischen ist schon noch Luft für meine geliebte Malerei oder einen ungeplanten Besuch beim Zahnarzt. Die Bücher stapeln sich immer noch ungelesen, die Zeitung überfliege ich und mittags esse ich schnell ein Fertiggericht, aber ich habe Ziele und Projekte, die mich motivieren. Der Terminkalender ist wieder so voll wie es immer war, aber ich fühle mich agil und gut dabei.

Gestern aber habe ich eine lang vorbereitete Prüfung bestanden und heute lasse ich es mir gutgehen mit Tee und Keksen und einem neuen Buch, das der Postbote eben erst geliefert hat. Und was haben Sie geplant, wie sieht Ihr Terminkalender aus?

Anneliese Blasl-Müller

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2 Antworten zu Müßiggang  ist aller Laster Anfang

  1. Liebe Frau Blasl-Müller, danke für Ihre offenen Worte. Ich stimme mit Ihnen 100 % überein. Darf ich Ihren Leserbrief auf meiner Governance & Compliance Plattform INARA – s. http://www.inara.at – veröffentlichen. Neben Wirtschafts- und Rechtsthemen befasse ich mich auch zunehmend mit gesellschaftsrelevanten Themen. Da passt Ihr Brief gut dazu. Bitte um Ihr Einverständnis per Mail an brigitta.schwarzer@inara.at. Beste Grüße, Brigitta Schwarzer

  2. mderflinger schreibt:

    Die Mischung aus Fortbildung, kulturellen Aktivitäten, Besuche im Theater, Kino, Lektüre von Belletristik ebenso wie Dokumentationen,Arbeit im Haus und Garten, inklusive Kochen und die damit verbundenen Tätigkeiten, Radfahren in Reisen füllt mein Leben wunderbar aus. Schön dass noch für das Enkelkind und die Beziehungspflege mit Partnerin und auch mit Freunden Zeit bleibt. Schlechtes Gewissen habe ich nur, weil ich noch keine soziale Aufgabe übernommen habe.

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